Neue Perspektive bei tiefen Konflikten

Es gibt Fälle, in denen scheinen Konflikte unüberwindbar tief. Mitten im Streit kann eine Außenbeziehung besonders verlockend wirken. Aber deshalb eine Außenbeziehung, einen Seitensprung riskieren? Viel Ärger kann sich schon nach kurzer Zeit von alleine auflösen. Hilfreich ist ein Perspektivenwechsel. Besser als ein Partnerwechsel über einen Seitensprung allemal.

Sehen Sie hier, wie sich mit einer Veränderung des Blickwinkels der Bezug zum Konflikt verändern kann – und damit natürlich der Konflikt selbst:
Vermeintlich tiefe Konflikte Johannes Faupel

Die Seitensprungidee: verständlich – und als Problemlösung ungeeignet

Menschen sind auf der Suche nach Anerkennung und Glück. Viele vertreten die Auffassung, ihr Umfeld (Partnerin, Partner) wäre für die Herstellung von Glück verantwortlich. Diese Auffassung ist nachvollziehbar, jedoch mit dem Leben nicht vereinbar. Nicht wenige haben zudem irgendwo gelesen oder gehört, nur eine sexintensive und streitlose Beziehung wäre eine gute Beziehung. Auch solche Ideen sind verständlich, jedoch mit dem Alltag inkompatibel.

Falls – auch nur vorübergehend – Zuspruch und Zuwendung abhanden kommen, ist es ein verständlicher Impuls, wenn Suchprozesse (Seitensprung) in Gang kommen, um sich Zuwendung und Sex notfalls an einer anderen Adresse zu holen. Solche Unternehmungen (Seitensprung) sind jedoch in aller Regel mit hohen Folgekosten verbunden. Sogenannte Seitensprung-Agenturen verschweigen die Risiken und versuchen, die Irrtümer von den dauersexintensiven Beziehungsidealen zu zementieren.

Sobald Sie drei Illusionen als Illusionen erkannt haben, können Sie auf die vierte Illusion (Seitensprung sei angeblich gesund) gar nicht mehr hereinfallen:
Illusion Nr. 1: Nur eine dauersexintensive Beziehung ist eine gute Beziehung.
Illusion Nr. 2: Mein Partner / meine Partnerin ist dafür da, mich glücklich zu machen
Illusion Nr. 3: Wenn einige Zeit weniger oder kein Sex stattfindet, ist die Liebe weg. Ab hier werden Rechtfertigungen für einen Seitensprung gebastelt.

Die Illusionen 1 – 3 tragen dazu bei, ein Problem zu konstruieren (durch eine als negativ beschriebene Soll-Ist-Abweichung) und zu stabilisieren.
Der Abschied von den Illusionen 1 – 3 ist ein Riesenschritt, um innerhalb der bestehenden Beziehung neue Gestaltungsmöglichkeiten zu finden.

Die größte aller Illusionen ist Illusion Nr. 4: Ein Seitensprung soll angeblich helfen, die eigene Beziehung zu beleben, zu reparieren oder sonst etwas Positives zu bewirken. Seitensprung-Agenturen verbreiten diese Unwahrheit über den Seitensprung unverdrossen. Das ist ähnlich dumm, wie es dumm war, den Leuten einzureden, Rauchen würde unabhängig machen oder weltoffen wirken.

Der Unterschied zwischen Verliebtheit und Liebe

Der Unterschied zwischen Verliebtheit und Liebe

Natürlich kann die Idee von einem Seitensprung verführerisch wirken. Das nutzen die Seitensprung-Agenturen ja ständig für ihre Lügengeschäfte aus.

Im Zustand der Verliebtheit wird eigentlich alles übersehen, was unter normalen Bedingungen keinen Gefallen fände. Dies gilt natürlich genauso für Menschen außerhalb der festen Beziehung, zu denen man sich hingezogen fühlen kann.

Die Liebe in der Partnerschaft beginnt, wenn nicht mehr genug Verliebtheit besteht, um die Schwächen des anderen zu verdecken. Wenn man dann zusammenbleibt, lernt, die Eigenheiten des anderen zu ertragen (den anderen gut leiden zu können), dann kann man sich mit viel Glück sogar in die eine oder andere Schwäche des anderen verlieben.

Achtung: Selbstverliebtheit kann schnell mit Liebe verwechselt werden. Wenn einem Insassen einer längeren Beziehung von einer anderen Frau Komplimente gemacht werden (oder einer Frau von einem anderen Mann), dann kann das schnell verlockend wirken. Das Ego plustert sich auf, man erfährt Neues über sich, endlich jemand, der die Wahrheit über das Wesen erkennt, das zu Hause nicht gesehen wird – und schon hat man sich verliebt. Aber nicht in die andere Person, sondern vor allem in sich selbst. „Da ist endlich mal wieder ein Mensch, der mich bewundert, mir Komplimente macht und mich erkennt – nicht so wie daheim.“

Natürlich ist nicht jede Beziehung zu retten. Es gibt Fälle, da ist es vorbei. Nur stellt sich die Frage, wer diesen Zeitpunkt feststellen, wer mit Sicherheit sagen kann: „So, das war es jetzt, laut Diagnoseverzeichnis XY ist dies das typische Ende der Beziehung.“ Wer die Krise einer Beziehung erlebt, in der bereits viel Gutes war, in der es Kinder gibt, hat meist mehr Möglichkeiten, als dies den Anschein hat. Die Möglichkeiten sind nur nicht sofort sichtbar. Weil man sich im Zorn befindet, weil man nachträgt usw.

Fremdgehen bringt nichts Gutes.
Fremdgehen ist das Hintergehen des anderen.
Fremdgehen macht ein schlechtes Gewissen.
Fremdgehen birgt gesundheitliche Risiken.
Fremdgehen ist ein Bruch mit dem Menschen, der einem vertraut.
Fremdgehen kann die Familie zerstören.
Fremdgehen kann das Vermögen vernichten, wenn danach alles zerbricht.
Die Konsequenzen von Fremdgehen werden auf die Kinder vererbt, wenn diese in zerbrochenen Familien aufwachsen.

Vielleicht macht dieses Bild ein wenig Hoffnung, gemeinsam weiterzusuchen nach neuen Wegen: Welcher Arzt würde während einer komplizierten Operation den Patienten einfach liegenlassen und den OP-Saal verlassen, weil er „keine Lust mehr hat auf das Theater“?

Konzeption und Text: Johannes Faupel, freier Fachjournalist und Texter, Weiterbildung in systemischer Therapie und Beratung (SG, IGST), 23 Jahre verheiratet